Festival BACH de lausanne
Baroque Academy

« Versteckte Gefühle », Kei Koito

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Versteckte Gefühle
Zwischen den Noten, zwischen den Tönen…

 
Seit jeher versuchen Komponisten, ihr aktives wie spirituelles Gefühlsleben in lebendige Eindrücke zu fassen. Ich bin meinerseits überzeugt, dass hochkarätige Musiker früher wie heute in der Lage waren und sind, dieser Musik Leben und Aktualität zu verleihen.

Wieso die h-Moll-Messe von Bach zum Auftakt des 20. Festivals, wieso genau in diesem Jahr, in dem auch der 450. Geburtstag Monteverdis gefeiert wird?

Die h-Moll-Messe ist nicht nur ein polyphones Kunstwerk von einzigartiger, meisterhafter Konstruktion. Ihre musikalische Sprache lässt eine klare Verwandtschaft zur Welt der Oper spüren, in einer Zeit, in der die Sänger gleichermaßen und mit der gleichen Hingabe in Kirche und Theater auftraten und in der man auch im Tanz eine atemberaubende Lyrik antraf. Vergessen wir nicht, dass die Tanzmusik in der Tat bereits seit seinen ersten Köthener Jahren auf Bach eine starke Anziehungskraft ausübte.

Die h-Moll-Messe ist, so wie alle sakrale Musik – einschließlich Passionen und Begräbnismusiken – durchdrungen von choreographischen Impulsen, also galanten Tänzen wie der Gigue, dem Passepied, der Rejouissance, der Passacaglia, Pastorale oder Gavotte. Sie alle sind musikalisch eindeutig vertreten, obwohl ihr Name nirgends in der Partitur erscheint – „verschlüsselte Tänze“– , Ausdruck dafür, dass bei Bach die „profane“ ein Spiegel der sakralen Welt ist. Die A-cappella-Schreibweise ist durch ständige rhythmische Sprünge in den Instrumenten angereichert.

Könnte man also die h-Moll-Messe als respektvolle wie auch Bewunderung zollende Antwort Bachs auf die Werke Monteverdis, seines berühmten Kollegen, verstehen, insbesondere auf die Marienvesper (1610), ein anderes sakrales, wenn auch von Affekten durchsetztes, Meisterwerk, – zwei Giganten die bei genauerem Studium verwirrende Ähnlichkeit aufweisen?

 

Kei Koito
künstlerische Leiterin des Festivals