Festival BACH de lausanne
Baroque Academy

« Meisterwerke ! », Kei Koito

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« Meisterwerke ! »

Kafka an seine Freundin Felice mitten in der Arbeit an Verwandlung: « Einmal schriebst Du, Du wolltest bei mir sitzen, während ich schreibe; denke nur, da könnte ich nicht schreiben… Schreiben heißt ja sich öffnen bis zum Übermaß… Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht. Deshalb kann nicht genug Zeit einem zur Verfügung stehn, denn die Wege sind lang, und man irrt leicht ab… Oft dachte ich schon daran, dass es die beste Lebensweise für mich wäre, mit Schreibzeug und einer Lampe im innersten Raume eines ausgedehnten, abgesperrten Kellers zu sein. Das Essen brächte man mir, stellte es immer weit von meinem Raum entfernt hinter der äußersten Tür des Kellers nieder. Der Weg um das Essen, im Schlafrock, durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spaziergang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und mit Bedacht essen und wieder gleich zu schreiben anfangen. Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde!»

Elias Canetti seinerseits bemerkt in Das Gewissen der Worte, dass man « diesen herrlichen Brief ganz lesen [muss]; es ist nie etwas über das Schreiben gesagt worden, das reiner und strenger wäre. Alle Elfenbeintürme der Welt stürzen ein angesichts dieses Kellerbewohners, und das missbrauchte, entleerte Wort von der « Einsamkeit » des Dichters hat plötzlich wieder Gewicht und Bedeutung. Dies ist das einzige und eigentliche Glück, das für ihn gilt, zu dem es ihn mit jeder Faser hinzieht. » Wurde nicht jedes musikalische Meisterwerk, zu welchem Ziel auch immer, genau so geschaffen?

Die Interpretation eines Werkes beschränkt sich nicht auf die notengetreue Wiedergabe der Partitur. Gerade auf dem Gebiet der alten Musik reicht es auch nicht aus, Traktate und Archive zu konsultieren.

Musiker, die mehr oder weniger mit den Werken unterschiedlicher Epochen umzugehen wissen, sind heutzutage überall und nicht schwer zu finden. Aber wozu all die korrekten aber uninspirierten Interpretationen, wozu all die Nachahmungen der vor 30 oder 40 Jahren hervorragend  von den großen Pionieren eingespielten Aufnahmen? Wie viele Künstler tauchen wirklich in das Werk ein, schaffen, oft mühsam tastend, Persönliches, gehen das Risiko ein, sich zu täuschen?

Kafka träumte davon, „in einem großen mit Menschen angefüllten Saal… die ganze Education sentimentale [von Flaubert] – die er leidenschaftlich liebte – ohne Unterbrechung soviel Tage und Nächte lang, als sich für notwendig ergeben würde… vorzulesen, und die Wände sollten widerhallen.“ Beispielloses Glaubensbekenntnis und Ausdruck der uneingeschränkten Kraft eines schaffenden Künstlers angesichts eines derartigen Meisterwerks.

Am Vorabend unseres zwanzigsten Geburtstages 2017 freuen wir uns, Ihnen dieses Jahr zum ersten Mal die Matthäus-Passion mit dem besten Kinderchor (64 Sänger!) und in völlig neuer Lesart, für die der Name eines großen Barockdirigenten bürgt, zu präsentieren. Auf dem Programm stehen auch die intensive Kunst der Fuge, eine vollständige Aufführung der sublimen Motteten Händels, die brillanten Concerti Vivaldis, die erschütternde Chaconne aus Dido & Aeneas, die magischen Tänze aus der Fairy Queen sowie das Carte-blanche-Konzert einer außergewöhnlichen Gambistin. Ganz zu Schweigen von drei mitreißenden Abendmusiken mit Werken aus dem Norden, vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Epoche unseres großen Bach, beginnend unter anderen mit der Familie Praetorius aus Hamburg, Gründer der norddeutschen Schule; fortgesetzt mit Georg Böhm, dem einzigen wirklichen Lehrer des jungen Bach (wie neuere musikwissenschaftliche Erkenntnisse zeigen); abschließend mit Dietrich Buxtehude, dem geistigen Vater. Grundlegende Pioniere an einem historischen Wendepunkt in der Musikgeschichte sind die Komponisten aus dem Norden ein wesentliches Fundament für die deutsche Schule vor Bach. Lauter Meisterwerke!

Eine fesselnde und stimulierende Konferenz und die Bach days, Frucht des ansteckenden Enthusiasmus der Professoren und Studenten der Musikhochschule und des Konservatoriums Lausanne, komplettieren das Programm. All dies vorbereitet von unserem neuen Organisationskomitee.

Wie können Sie da noch widerstehen ?

Kei Koito
Künstlerische Leiterin des Festivals

Elias Canetti, La Conscience des mots (Das Gewissen der Worte)
Übersetzung : Verena Monnier

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